Teil 1

 

Auf den Spuren der Göttin (1)

 

Die Göttin! Wer ist sie eigentlich? Die Sagenumwobene, mythisch- Geheimnisvolle und mystisch- Spirituelle hat sich uns in vielen Gestalten offenbart, und sie faszinierte uns zu allen Zeiten. Die Göttin hat viele Gesichter und Namen. Alle Kulturen sind von ihr mitgeprägt worden. Laß dir die alten Sagen und Mythen eines Volkes erzählen, und du wirst sie wiederfinden.

Aphrodite aus Griechenland, Amaterasu aus Japan, Freya aus dem Norden, Isis aus Ägypten, Inanna aus Sumer, Lakshmi aus Indien, Lilith aus Judäa oder Kwan Yin aus China - sie alle sind Teilaspekte der Göttin, die sich in unendlich vielen Facetten zeigt. Es werden ihr heilende und zerstörerische Fähigkeiten nachgesagt, opferbereite und schmerzvolle, furchtlose und eigenständige, zentrierende und kraftvolle. Sie alle umgibt ein geheimnisvolles Flair des Außergewöhnlichen und des Zaubers, und doch wurde die Göttin gerade in späteren Zeiten oft völlig mißverstanden.

Nun, sie hat schließlich auch eine Menge mitmachen müssen. Ihre größte Zustimmung fand sie bisher zur Zeit des Große-Göttin-Kultes, im sogenannten Matriarchat, das ca. von 10 000 bis 3ooo v. Chr. andauerte. In dieser allgemein üblichen Lebensform hatten die Frauen die Rolle des Familienvorstandes, und sie wurden verehrt, weil sie Leben spendeten. Zeugungsvorgang, Menstruationszyklen und Schwangerschaft wurden als göttliches Mysterium gesehen und in vielfältigen Fruchtbarkeitsriten gefeiert. Die Frauen wählten selbst, wer Vater für ihre Kinder sein sollte, völlig frei und unabhängig. Es gab eine weibliche Erblinie, die Männer schützten Frauen und Kinder in der Gemeinschaft, und beide Geschlechter verehrten die Natur und die Erde als Große Göttin.

Damals war die Welt noch in Ordnung - die spirituelle Verbindung zur weiblichen Schöpferkraft wurde geehrt und anerkannt. Doch gegen Ende des Matriarchats wurden zunehmend Opfer-Rituale durchgeführt, in denen Männer ihr Leben lassen mußten. Auch wenn diese Rituale gesellschaftlich geduldet waren, so bereiteten sich die Frauen damit ihren eigenen Untergang. Für die Männer stand irgendwann fest: die Göttin muß weg, weil sie zu bedrohlich wurde.

Mit dem Verschwinden der alten Naturreligionen verschwand auch die Göttin aus dem Bewußtsein und den Herzen der Menschen. Doch sie konnte nicht völlig verschwinden, denn alle Erfahrungen mit ihr von Männern und Frauen gruben sich unauslöschlich in die Tiefen des kollektiven Unbewußten, und kursierten dort weiter als Schuldgefühle und schattenhafte Bedrohungserwartung.

Die neuen patriarchalen Strukturen brachten auch neue, eher mental bestimmte Kulturen hervor, besonders im Mittelmeerraum entstanden Kulturen von großartiger Blüte: zuerst Sumerer und Ägypter, sowie die zwölf arabisch-jüdischen Stämme, und später die Griechen und Römer, welche allesamt Höchstleistungen in bildenden Künsten wie Mathematik, Philosophie und Astrologie darbrachten, ebenso gab es auf einmal eine Unzahl an Göttern und Göttinnen, denen jeweils Aspekte der unterschiedlichen Persönlichkeitsanteile zugeschrieben wurden. Doch Göttervater Zeus war natürlich männlich ...

Im Osten dagegen entstanden andere Glaubenssysteme: der Taoismus entwickelte sich in China und fand seine Stärken in der Gelassenheit und der Kunst des Nicht-Handelns, und vertraute sich dem natürlichen Fluß des Lebens an. Er besteht auf Ausgleichung von Yin und Yang, und ehrte somit das Männliche und Weibliche. Konfuzius und Lao-Tse waren ihre geistigen Lehrer, und auch das I Ging hat hier seinen Ursprung. Und noch ein geistiger Wegbereiter wurde uns im Osten geschickt: Prinz Siddharta lehrte als Buddha Gleichmut und Mitgefühl.

500 Jahre später wurde uns Gottes Sohn geschickt: Jesus, der männliche Wegbereiter für die allumfassende Liebe. Er hatte den besonderen Auftrag, die Liebe für alle Zeiten fest auf der Erde zu verankern. Was ihm ja auch erfolgreich gelungen ist; nur die Menschen damals verstanden ihn noch nicht (bis auf wenige Ausnahmen). Die wahre Geschichte der frühen Christusgemeinde liegt nach wie vor im Dunkeln, und das großrömische Reich sah ihn nur als Bedrohung der eigenen Macht.

Im Norden Europas machten sich die Römer ebenfalls breit und eliminierten die letzten Bastionen des Große-Göttin-Kultes, vor allem der britischen Kelten, wunderbar nachzulesen im Buch "Die Nebel von Avalon". Dort verschwand die Göttin zuletzt buchstäblich im Nebel.

Spätestens zum 3. Vatikanischen Konzil von Nicäa, um 330 n. Chr., legte die neue katholische Kirche fest, daß Gott sowieso männlich ist und zuerst kommt, dann folgt Gottes Sohn und dann erst der Heilige Geist. Erstens von Weiblichkeit keine Spur, und außerdem eine unglaubliche Verdrehung: den Menschen vor die Schöpferkraft zu setzen, hat letztendlich und seitdem nur das männliche Ego gestärkt.

Weibliche Stärke und Gleichberechtigung dagegen, wie sie uns in Lilith begegnet, wurde gnadenlos vom Judentum dämonisiert und aus der christlichen Bibel sogar ausradiert. Die brave angepaßte Eva war dann nur recht als weibliches Vorbild, an das sich die Frauen zu halten hatten. Und Maria, ein irdisch gewordener Aspekt der Göttin, wurde zur demütigen und aufopfernden Mutter hochstilisiert. Die Inquisition hat ihr weiteres dazu beigetragen, weibliches Wissen und Kräfte zu dämonisieren und auch gleich zu verbrennen.

Es gab eine einzige besondere Ausnahme im Mittelalter: die Glaubensgemeinschaft der Katharer, auch Albigenser genannt, nach der Verurteilung ihrer Lehren durch die katholische Kirche 1165 in Albi. Sie waren im Languedoc ansässig, einer reichen und in kultureller Blüte stehenden Provinz Südfrankreichs. Die Katharer bekannten sich zur Lehre der Wiedergeburt und der Gleichrangigkeit des männlichen und weiblichen Prinzips, und weigerten sich, die römisch- katholische Kirche anzuerkennen. Sie lebten in Einfachheit und Demut, und hielten ihre Gottesdienste aus Abneigung gegen Kirchen im Freien. Es wird ihnen auch nachgesagt, daß sie das Geheimnis um die eheliche Verbindung zwischen Jesus und Maria Magdalena hüteten. Von 1208 - 1244 wurden die Katharer auf Befehl von Papst Innozenz III., der einen regelrechten Kreuzzug gegen sie ausrief, gnadenlos gejagt und ausgerottet.

Die Unterdrückung des Weiblichen hat inzwischen dazu geführt, daß wir in der Lage wären, die ganze Welt auf einmal zu zerstören. Ich behaupte, daß Macht, Gier und Zerstörung letztendlich nur Kompensationsverhalten einer männlich dirigierten Welt geworden ist, und daß hier eindeutig etwas fehlt: das Behüten, das Beschützen und Erhalten, das körperliche, seelische und geistige Nähren unserer Völker und Herzen.

Doch wozu dieses ganze Spektakel? Wozu diese ganzen Umwege? Hätten wir es nicht einfacher haben können? Nein. Wir leben in einer dualen Welt, und solange wir hier sind, wird es duale Gegensätze geben. Ohne die Dunkelheit könnten wir kein Licht sehen, und somit können wir ohne das Männliche auch das Weibliche nicht erkennen.

Beides ist immer notwendig, um das andere schätzen und lieben zu lernen. Unsere eigentliche Seelenessenz ist androgyn - doch um diesen Zustand zu erreichen, müssen wir uns aussöhnen mit dem männlichen und dem weiblichen Prinzip, dann kann die Synthese stattfinden.

Und wie kommen wir dorthin? Wenn wir achtsam sind, können wir feststellen, daß die Göttin uns ihre Spuren hinterlassen hat. Sie ist in jedem von uns zu finden, als tiefe Erinnerung an ihr Wirken in Liebe für die Menschen und die Erde, aber auch in menschlich definiertem Leid. Und sie hinterließ uns jede Menge Geschichten, um Zugang zu einem ihrer Teilaspekte zu finden. Jede Göttin beschreibt uns eine Eigenschaft, mit der wir uns identifizieren und tiefer beschäftigen können.

 

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