Teil 2

Matriarchat und frühes Christentum (2)


“Du kommst in all unseren großen Riten vor.
Wer könnte Dich verstehen?"
& Enheduanna


Als die Hohepriesterin und gefeierte Dichterin Prinzessin Enheduanna im Jahre 2300 v.Chr. diese Zeilen zu Ehren der großen sumerischen Göttin Inanna schrieb, konnte sie nicht ahnen, daß man mehr als 4000 Jahre später immer noch über dieselbe Frage nachdenken würde: wie kann man die übernatürliche weibliche und kraftvolle Eigenschaft verstehen, die von so vielen von uns unter dem Begriff Göttin zusammengefaßt wird?

Wir wollen heute Antworten finden, was es bedeutet, die innere Göttin zu umarmen. Mit dem Begriff 'innere Göttin' meine ich jenen Geist, der so oft als das Göttliche in der Frau verehrt wird - jene nährende, weise und vielschichtige Energie, die so viele Göttinnen im Überfluß zu besitzen scheinen.

Seit den Anfängen der Menschheitsgeschichte besitzen Göttinnen eine größere Bedeutung, als wir heute mit unserem Verstand erfassen können. Die heiligen Riten, die ihnen zu Ehren gefeiert wurden, sind der Ursprung unserer Jahreszeitenfeste. Die heutige Walpurgisnacht am 30. April hieß im keltischen Sprachgebrauch Beltane-Fest, kennzeichnete den Beginn des Sommers und war ein großartiges Fruchtbarkeitsfest, in deren Nacht sich jede Frau einen Mann wählen konnte, um die heilige Vereinigung zu Ehren der Göttin zu vollziehen. Das Fest Samhain hingegen (heute Erntedank bzw. Halloween) kennzeichnete das Ende des Sommers. Samhain ehrt den Tod, und Beltane feiert das Leben.

Eine Vielzahl der Mythen und Riten um diese Göttinnen spiegeln die Überzeugungen der Menschen wider, die sie geschaffen haben. Sie teilen uns mit, was diese Menschen an Frauen wertschätzten und verehrten und in manchen Fällen sogar fürchteten. Sie verweisen auf die göttlichen Kräfte, von denen Frauen schon seit jeher durchdrungen waren.

Unsere wunderbare Fähigkeit, in unserem Körper Leben zu erschaffen, unsere Fruchtbarkeitszyklen, die von alters her das Ab- und Zunehmen des Mondes widerspiegeln, stellen eine Verbindung zwischen uns und der Göttin her, die immer schon war und sein wird.

Diese Göttinnnen und ihre Eigenschaften sind Ursymbole oder Archetypen, die tief in unserer Psyche verankert sind. Es sind die Kräfte und Begabungen, die Frauen besitzen. Wenn wir diese Archetypen anerkennen und ehren, dann können wir all die weiblich-göttlichen Eigenschaften in unser Leben übernehmen - unsere Kreativität, unsere Stärken und unsere Schönheit ebenso wie unsere Ängste und unsere Kraft.

Ein kleiner Ausflug in die Geschichte zeigt uns, daß die Göttin erst die letzten 700 Jahre vollständig unterdrückt wurde. Historikerinnen wiesen mit Hilfe von Grabinschriften und Widmungen nach, daß Frauen in jüdischen und christlichen Gemeinden vom 1. Jht. v. Chr. bis zum 6. Jht. n. Chr. eine Reihe von religiösen Ämtern innehatten, wie Synagogenvorstand, Synagogenmutter, Älteste und Priesterin. Mit Papstbriefen und Inschriften bewies der ital. Prof. für Kirchengeschichte, Giorgio Otranto, daß Frauen in den ersten 1000 Jahren der Kirchengeschichte am katholischen Priestertum teilhatten.

Gesegnet sei Giorgio Otranto! Forschungen brachten eine erstaunliche Fülle von Beweisen dafür, daß Frauen vom 1. bis zum 13. Jht. die Ämter von Diakoninnen, Priesterinnen, Kirchenältesten und sogar Bischöfinnen innehatten.*

Die Geschichte der Frauen als christliche Führerinnen ist dramatisch und vielschichtig. Die radikale Botschaft Jesu und tief verwurzelte Ansichten über Geschlecherrollen vermischen sich manchmal, oder sie stoßen heftig aufeinander. Jesus handelte gegen die gesellschaftlichen Gepflogenheiten seiner Zeit: er sprach zu Frauen wie zu Gleichen, ehrte und schätzte die Kinder, bevorzugte Arme und Ausgestoßene, aß und umgab sich mit ihnen, ohne auf die Klassen- und Geschlechterschranken zu achten, und griff mit kühner Rede die sozialen Bande an, die die patriarchale Familie zusammenhielten. Als Jesus JüngerInnen um sich scharte, die seine Botschaft in die Welt tragen sollten, waren Frauen in dieser Gruppe führend.

Maria Magdalena, Maria von Bethanien und seine Mutter Maria sind Frauen, deren Namen die Nacherzählungen der Geschichte Christi in der Sprache und literarischen Form der römisch-patriarchalen Gesellschaft überdauert haben. Die Paulusbriefe spiegeln eine frühchristliche Welt wider, in der Frauen bekannte Evangelistinnen, Apostelinnen, Gemeinde- vorsteherinnen und Trägerinnen prophetischer Autorität waren.

In der ersten Geschichte des Marienevangeliums, eines gnostischen Evangeliums aus dem 2. Jahrhundert, richtet Maria Magdalena die mutlosen Jünger nach der Himmelfahrt des Herrn wieder auf. Durch Ermutigung und eine mitreißende Predigt über die Lehren Jesu belebt sie die müden Geister und sendet sie aus, um ihren Auftrag zu erfüllen. Wegen ihrer starken Führungsrolle wird sie in manchen Texten als Apostel der Apostel bezeichnet.

Schon im 2. Jht. erreichte das Christentum die griechische Stadt Korinth. Reisende konnten der Straße von Korinth nach Delphi folgen, zum berühmten Schrein des Apollo, um bei der Pythia, einer Priesterin mit dem Titel Prophetin, Rat zu suchen. Die Priesterin saß ruhig in tranceähnlichem Zustand und wartete auf die göttliche Eingebung (was nichts anderes als das heutige Channeln ist). Wenn die Eingebung kam, strömten die Worte in kurzen, eleganten Strophen, den sogenannten Orakeln. Diese waren auch ein bekannter Teil des christlichen Gottesdienstes, besonders in Korinth. In seinem Brief an die Gemeinde in Korinth übermittelte Paulus selbst ein Orakel, das er empfangen hatte, als er um Heilung von körperlichen Beschwerden bat:

"Meine Gnade genügt dir; denn sie erweist ihre Kraft
in der Schwachheit zur Vollendung." (2 Kor 12, 9)

Das Orakel, das Paulus empfing, brachte Linderung, wenn nicht gar Heilung. In den Häusern, in denen sich die Christen von Korinth trafen, folgten Frauen als Prophetinnen dem Ruf des Geistes. Für diese neuen Christen stellte die Gegenwart des Geistes die Erfüllung der Prophezeiung dar:

“In den letzten Tagen wird es geschehen, so spricht Gott:
Ich werde von Meinem Geist ausgießen über alles Fleisch.
Eure Söhne und Töchter werden Propheten sein ... auch über meine Knechte und Mägde werde Ich von Meinem Geist ausgießen in jenen Tagen, und sie werden Propheten sein."
(Apg 2, 17+18 )

Das Lukasevangelium beginnt mit der Geschichte von Elisabeth, die erfüllt wurde vom Heiligen Geist und prophetisches Zeugnis von Marias Erwählung und der Einzigartigkeit des Kindes in ihrem Leib gab. Maria selbst prophezeite auch, und ihr Orakel, das Magnifikat (Lk 1, 47 - 55), ist vielleicht die beliebteste und am meisten zitierte Prophezeihung einer Prophetin. Marias Worte:

"Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt Er mit Seinen Gaben und läßt die Reichen leer ausgehen."

klingen über die Jahrhunderte hinweg so bestimmt wie die Orakel des Jesaja, Amos oder Ezechiel, und doch nennt Lukas sie nicht Prophetin.

Die Vollmacht weiblicher Propheten, göttliche Eingebungen zu empfangen und zu deuten, war in der griechisch-römischen Religion fest verankert. Plutarch überliefert eine Begebenheit, bei der die prophetische Intervention einer Frau ein Leben rettete. In Phrygien wurde die prophetische Bewegung nach ihrem Gründer Montanus benannt, der eng mit zwei Prophetinnen, Priscilla und Quintilla, zusammenarbeitete. Da ihre Prophezeiungen als Gottesorakel galten, wurden sie sorgfältig niedergeschrieben und als zweite Heilige Schrift der Montanistengemeinde aufbewahrt. Die Verehrung, die die Montanisten den Orakeln ihrer weiblichen Propheten entgegenbrachten, ist von Hippolytos, einem ihrer erbittertsten Widersacher, überliefert worden.

Von Tertullian, der von den Montanisten positiv beeindruckt war, hören wir von den Aktivitäten einer afrikanischen montanistischen Prophetin:

“Unsere Mitschwester hat die Gnade erhalten, Offenbarungen zu empfangen, die sie in der Kirche während der Feier zu Ehren des Herrn durch Verzückung im Geiste erfährt; sie spricht mit den Engeln, zuweilen auch mit dem Herrn, sieht und hört Geheimnisse, durchschaut die Herzen verschiedener Menschen und erhält Anweisungen zur Heilung für diejenigen, die sie benötigen."

Die Prophetin empfing Offenbarungen über Personen, erkannte deren inneren Zustand und gab ihnen Rat und Führung. Alles, was sie sprach, wurde niedergeschrieben und von der Gemeinschaft als Offenbarung des Geistes betrachtet.

Ein weiteres Handbuch der Kirchenleitung aus dem 2. Jht., die Apostolischen Statuten, gab den Kirchen die Anweisung, Frauen zu weihen, um genau dieses Amt der Offenbarung auszuüben:

"Laßt sie drei Witwen weihen, sie sollen im Gebet zusammenbleiben für alle, die in Gefahr sind, und damit sie um Offenbarungen bitten für das, was sie benötigen."

Dies sind nur ein paar Auszüge aus der Flut von Beweisen, daß Frauen hohe Ämter bekleideten und als Trägerinnen göttlicher Offenbarung geachtet waren.

Die Weihe von Frauen heute rührt auch an das heikle Thema der Sexualität. Als 1989 Barbara Harris zur 1. Bischöfin der engl. Kirche geweiht wurde, kommentierte die Zeitschrift TIME ihre roten Fingernägel. Natürlich haben diese nichts mit ihrer Qualifikation als Bischöfin zu tun, aber der Reporter wies unbewußt darauf hin, daß die Weihe einer Frau zur Bischöfin weibliche Sexualität und Göttlichkeit in eine als peinlich empfundene Nähe zueinander brachte.

Der Vatikan rechtfertigte 1976 in der Erklärung zur Frage der Zulassung von Frauen zum Priestertum den Ausschluß von Frauen vom Priestertum damit, daß der weibliche Körper dem männlichen Körper Christi nicht gleicht. Deswegen sei es für eine Frau unmöglich, die sakramentalen Funktionen eines Priesters auszuführen. Eine Frau wird, im Gegensatz zum Mann, untrennbar von ihrer sexuellen Natur wahrgenommen, und als Priesterin würde sie Sexualität in den Bereich des Heiligen hineintragen. Doch ist nicht alles von Gott Erschaffene heilig?

Für viele kirchliche Glaubensgemeinschaften stellt sich mit der Ordination von Frauen die beunruhigende Frage nach dem Geschlecht Gottes. Ändert sich die Wahrnehmung von Gott, wenn ein weiblicher Klerus Gott vor der Gemeinde vertritt? Ob eine Gesellschaft ihren Gott als männlich oder weiblich wahrnimmt, hat ausschließlich damit zu tun, welche Auffassung diese Gesellschaft von Männlichkeit und Weiblichkeit hat.

Wenn Gott als männlich gedacht wird, dann werden die Menschen dazu neigen, Macht mit Männlichkeit gleichzusetzen. Wenn also weibliche Wesen Gott repräsentierten, dann würde Weiblichkeit mit Macht gleichgesetzt. Und weil die patriarchalen Strukturen Angst vor einem weiblichen Gott hegen, wird allein schon die Möglichkeit einer Göttin weit und noch weiter von sich und in den Bereich der Märchen verwiesen. Wobei die männliche Definition von Märchen sie in die Welt des Unglaubwürdigen und Phantastischen ansiedelt. Doch wer sich jemals mit tiefenpsychologischer Deutung von Mythen und Märchen befaßt hat, weiß, daß auch jedes Märchen seinen tiefen Wahrheitsgehalt besitzt.

Eine Geschichte vollkommen zu verstehen bedeutet, sie vollkommen in Besitz zu nehmen - und bei den Göttinnen-Mythen handelt es sich um Geschichten, die Frauen unbedingt in Besitz nehmen sollten. Denn diese Mythen sind die Urgeschichten der Frauen. Sie sind zeitlos. Sie enthalten so viel von dem, was es bedeutet, in unserer Welt stark, schön und weiblich zu sein.

Die Göttin hat uns durch alle Zeiten hindurch immer wieder Botschaften hinterlassen, damit sie nicht in Vergessenheit gerät. Damit wir uns wiedererinnern können, obgleich ihre Kraft scheinbar zerstört wurde. Doch seid sicher, daß dies nicht geschehen kann.

 

* Zitate aus: Karen Jo Torjesen, "Als Frauen noch Priesterinnen waren" Verlag Zweitausendeins.
Dr. Torjesen unterrichtet am Margo Goldsmith Lehrstuhl für Frauenstudien und Religion und gilt als führende Autorität auf dem Forschungsgebiet Frauen im Urchristentum.

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