Teil 4

Die Liebe von Isis und Osiris (4)

Auch wenn der männliche Aspekt Gottes durch sein Licht und seine Liebe den schöpferischen Impuls gab, so hat der weibliche Aspekt Gottes, die Göttin, sein Licht und seine Liebe empfangen und mit ihrer Schöpferinnenkraft und ihrer Liebe die Welten geboren.

So ist es im Großen, wie im Kleinen. Der Mann gibt, und die Frau empfängt. So war es von Anbeginn vorgesehen, und so sollte es sein.

In den Mythen, die von der Entstehung der Erde und des Universums handeln, erleben wir das Weiblich-Göttliche in ihrer vielleicht größten und allumfassendsten Kraft. Von der griechischen Göttin Gaia wird gesagt, daß sie das Universum aus ihrem Schoß erschaffen habe, während die ägyptische Göttin Hathor als himmlische Kuh angerufen worden sei, die Milch fließen lassen konnte, um alle Geschöpfe zu nähren. Die altnordische Göttin Jörd nährte den großen Weltenbaum Yggdrasil mit dem Wasser der Weisheit aus ihrem göttlichen Brunnen, der sich im Mittelpunkt der Erde befand. Der Spinnenfrau, einer indianischen Gottheit, wird nachgesagt, daß sie das Lebensnetz mit ihren Gedanken, und Menschen aus verschiedenfarbigen Lehm- und Erdkugeln erschaffen habe.

Auch wir Frauen sind alle Schöpferinnen, denn jegliches Leben entsteht durch uns. In diesem Sinne spiegeln wir das Universum in uns und unserem Körper wider. Unsere Schöpferkraft will geachtet und geliebt werden - in erster Linie von uns - und bitte auch noch von den männlichen Schöpfern. Sind wir nicht alle die 'Große Mutter'?

Die Göttinnen, die unsere Erfahrungen mit der Liebe wiederspiegeln, sind verführerisch, kokett, edel, schön, warmherzig und kühl - All-Göttin, All-Göttliche, All-Wissende um Herzeleid und endlose Freude. Sie offenbaren eine weitere Wahrheit: daß alle Eigenschaften sein dürfen.

Der Schönheit und Anmut der griechischen Aphrodite kann sich kein Mensch entziehen. Sie wurde aus dem Meeresschaum geboren, nachdem Saturn seinen Vater Uranos entmannt hatte und dessen Phallus ins Meer fiel - eine großartige Methapher dafür, daß ein Mann seinen eigenen Weg gehen muß und nicht den Vorstellungen seines Vaters folgt, wenn er etwas Neues erschaffen will, das seiner Liebe entspringt. Die aztekische Göttin Xochiquetzal enthüllt uns den Sirenengesang sexueller Lust, und die römische Juno als Gattin des Göttervaters Jupiter ist die Schutzherrin der Ehe. Die japanische Göttin Benzai-ten zeigt uns die Weisheit, die darin liegt, unsere Partner zu erkennen, anzunehmen und so zu lieben, wie sie sind.

Alle Liebesbeziehungen bieten Freuden und Herausforderungen - denn wir sehnen uns nach der Vermählung der Göttin in uns mit ihrem geliebten Gott. Manchmal jedoch landen wir im Tal der Tränen. So stark wir auch sein mögen, müssen wir gerade in jenen Zeiten auf eine besondere Stärke zurückgreifen - auf die außergewöhnliche Stärke des liebenden Mitgefühls, die das Weiblich-Göttliche besitzt. Nur sie kann uns zeigen, wie wir mit den dunklen Seiten des Lebens und den Schatten in unseren Herzen umgehen können.

Die ägyptische Göttin Isis ist eine der mächtigsten Frauengestalten, die seit jeher fasziniert, wohl deshalb, weil sie ihre tragische Geschichte durch die Kraft ihrer Liebe umwandeln konnte. Isis steht für Mutterliebe, für eine Weisheit, die Intuition, Gefühl und Instinkt mit einbezieht, für allumfassende und niemals aufgebende Liebe, die sogar zu neuem Leben erwecken kann, und nicht zuletzt für einen Hohepriesterinnenkult, der die Liebe der Isis lehrte (hierbei geht es um die vollendete gefühlsmäßige, körperliche und spirituelle Vereinigung von Mann und Frau).

Der Mythos erzählt, daß Isis in inniger Liebe und Ehe mit ihrem Bruder Osiris verbunden war. Ihre Beziehung war von solch freudiger Harmonie bestimmt, daß alle von dessen Schönheit tief berührt waren. Ihre Tage verbrachten sie damit, die Welt zu nähren: Isis' Kräfte im Zusammenspiel mit denen von Osiris brachten aus der reichen ägyptischen Erde und dem fruchtbaren Nil Nahrung im Überfluß hervor. Ihre Nächte waren von glückseliger Liebe erfüllt, weder Mond noch Sonne konnten heller glänzen als ihre Leidenschaft.

Alle liebten Isis und Osiris, bis auf einen - Seth, der eifersüchtige Bruder. Um ihrer idyllischen Herrschaft ein Ende zu setzen, ermordete Seth Osiris und legte seinen Leichnam in einen Sarg. Bald wuchs ein großer Baum um den Sarg heran. Isis suchte überall nach ihrem Geliebten. Als sie ihn schließlich im Baum entdeckte, nahm Seth ihr den Leichnam von Osiris weg. Auf grausame Weise zerschnitt er Osiris in 14 Teile und verstreute sie in ganz Ägypten. Doch Isis ließ sich nicht abschrecken und verwandelte sich in einen Vogel. In dieser Gestalt flog sie über das Land und sammelte die Teile von Osiris wieder ein. Als sie diese mit Wachs zusammenfügte, fehlte ihr nur noch Osiris' Phallus, den Isis aus Gold und Wachs neu formte.

Mit Hilfe ihrer magischen Kräfte rief Isis Osiris wieder ins Leben zurück, und durch die Kraft ihrer Liebe empfing sie ein Kind von ihm. Dieses Kind, der falkenköpfige Gott Horus, wuchs zu einer mächtigen Gottheit heran, dessen Scharfsinn und Weisheit nichts verborgen blieb.

Isis lehrt uns, daß stark bleibende und allumfassende Liebe jedes Leid zum Guten verändern kann. Ihre Geschichte ist ein Gleichnis für die Zeiten, in denen uns manchmal die männliche Kraft abhanden kommt. Diese Geschichte erzählt von Trennung, und wir alle wissen, dass Trennung uns den tiefsten Schmerz beschert. Anstatt ihn anzunehmen, wird er oft verdrängt und mit Ablenkung kompensiert - bis zum nächsten Mal. Es gibt Zeiten, in denen wir am Boden zerstört sind und nicht mehr weiter wissen - vor allem, wenn wir verlassen werden, fangen wir an, an uns selbst zu zweifeln. Dieser Zustand erfordert unser ganzes Mitgefühl, und zwar für uns selbst.

Das Tor zu unserer inneren Erlösung wird gefunden, indem wir im grenzenlosen Mitgefühl für unser Leid sind - und unsere Trauer in Liebe annehmen. Und wenn wir die Liebe für uns selbst aufbringen können, den verlorenen Anteil wieder zurückholen und ihm neues Leben einhauchen, dann entsteht auch neues Leben für uns, und zwar in einer Weisheit, Kraft und Güte, die nicht mehr verloren gehen kann. Es ist unsere mystische Wiederauferstehung, unsere Neugeburt, wenn wir alles an uns in Liebe annehmen. Dann werden wir in einem neuen Leben wandeln - so steht es geschrieben.

"Mit Schönheit über mir reise ich,
mit meiner heiligen Kraft reise ich,
jetzt, mit einem langen Leben,
jetzt, mit immerwährender Schönheit lebe ich ..."

* Auszug Blessingway-Lied

Auf die Zeit der Fruchtbarkeit folgt die Zeit der Weisheit. Der Vollmond nimmt ab. Jetzt verwandeln wir uns in die allmächtige, weise ältere Frau. Sie hat viel gesehen und weiß viel. Sie weiß, wie das Leben den Tod hervorbringt und der Tod das Leben. Der immerwährende Zyklus des Mondes, der auf magische Weise in unseren Körpern festgehalten ist, vermittelt uns alles, was wir wissen müssen. Wir wissen, daß wir mutig sind. Wir sind weise. Wir haben gelernt, Kopf, Herz und Bauch zu verbinden und in Einklang zu bringen. Wir sind weise ältere Frauen. Wir sind mit der Königswürde gekrönt worden, mit der Weisheit unseres Alters und der Weisheit der Göttin.

Wir sind die römische Göttin Vesta und leben in unserer Mitte. Wir sind die russische Baba Yaga, die wilde Frau, und tanzen unser Leben, wie es uns beliebt. Wir sind Cerridwen, die keltische Göttin, die um alle Zyklen von Ende und Neubeginn weiß. Wir sind die hebräische Lilith, die ihren Platz an der Seite Adams zurückfordert. Und wir sind die chinesische Göttin Kwan Yin, deren bedingungslose Liebe und unendliches Mitgefühl alles Leiden dieser Welt erlösen kann. Wir sind dies alles; die vielen Gesichter der einen Göttin. Und dies ist unsere Geschichte:

“Ich bin eine wunderbare Frau,
die vieles gesehen und erlebt hat.
Ich bin an Mauern entlang gewachsen,
und habe lange ihr Muster getragen.
Mit der Kraft meiner Liebe befreie ich mich.
Es ist meine Entscheidung,
frei und geliebt zu sein.
Meine Wurzeln reichen tief hinab,
und ich schöpfe meine Kraft aus der Göttin Erde.
Sie trägt mich wie eine liebende Mutter.
Ich bin ihre geliebte Tochter.
Ich darf alles sein, was ich bin.
Ich tanze mit all meinen Gefühlen,
und feiere mein Leben als Frau.
Ich bin der lebendige Ausdruck der Göttin auf Erden.
Ich bin Freude!
Ich bin Schöpferin!
Ich bin Liebe."

So freut euch, ihr männlichen Wesen! Freut euch, dass wir mehr und mehr bereit sind, unser Frau-Sein ganz und gar anzunehmen, in all ihren Facetten. Die Göttin in unser Leben zurückzuholen, bedeutet nicht weniger als unsere Annahme als Frau; sie bedeutet auch eure Aussöhnung und Annahme des Weiblichen.

Die Geschenke, die uns erwarten, sind noch gar nicht abzusehen - Freude über Freude! Wenn Mann und Frau bereit sind, durch vollständige Annahme und Liebe eine heilige Beziehung einzugehen, öffnen sich die Tore der Fülle. Vorbei werden die Zeiten des Mangels sein, des gegenseitigen emotionalen 'Löcherstopfens'. Die vollständige Aussöhnung von Mann und Frau wird uns auf eine neue Ebene heben: bedingungslose Liebe miteinander zu erfahren.

Diese Liebe wünsche ich euch allen.

Namaste!

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